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Da das von Thomas Brenner initiierte Kunstprojekt ligne maginot„ in Lothringen und im Elsaß stattfand, entlang des gleichnamigen gigantischen Verteidigungsbollwerks, mußten sich beide mit offiziellen, französischen Stellen auseinandersetzen und deren Erlaubnis sowie Unterstützung erbitten. Ebenso mußten sie das französische Publikum für sich gewinnen. Keine leichte Aufgabe, da die ligne maginot ein Nationaldenkmal aus dem Zweiten Weltkrieg ist und das dortige Arbeiten deutscher Künstler durchaus auch Empfindlichkeiten wecken kann. Nun, letztlich haben die Beiden alle Widerstände überwunden und mit dem fraglosen Erfolg der verschiedenen Aktionen im Rahmen ihrer Arbeit ein Zeichen für die deutsch-französische Freundschaft und für ein europa im kleinen„ gesetzt. Und das auf äußerst unkonventionelle und wirkungsvolle Art und Weise. Das europa im großen„, von dem in der Politik so gerne die Rede ist, wird ja gerne an der scheinbaren Allmacht der gemeinsamen Währung aufgehängt. Allerdings sind gleiche Münzen und Geldscheine mitnichten das, was die Menschen zusammenführt.  Vielmehr sind es sicher die nicht rechenbaren und nicht direkt bewertbaren Größen, die Verbindlichkeit schaffen. Wie etwa das Projekt ligne maginot„ von Brenner und Decker. Die bei diesem Projekt einen sehr großen Aufwand betrieben haben, mit jeder Menge Equipment und bis zu zwanzig Statisten und Helfern oft tagelang in schlechtem Wetter bei Cattenom, am Simserhof oder am Galgenberg in Frankreich zugange waren. Das und natürlich die sichtbaren Ergebnisse ihres künstlerischen Schaffens im Elsaß und in Lothringen hat ihnen die Symphatie und die Gunst des französischen Publikums eingebracht. Französische und deutsche Tageszeitungen, Radio- und Fernsehstationen berichteten ausführlich darüber.

Thomas Brenner ist einer der ganz wenigen Vertreter der sogenannten Inszenierten Fotografie„ in Deutschland. Diese Art der Kunstfotografie stammt aus dem England der Sechziger Jahre und heißt ursprünglich staged photographie„. Seit den Achtziger Jahren baut Brenner seine oft skurrilen Bühnenbilder mit viel Aufwand auf, plaziert Statisten darin und nimmt Momentaufnahmen, die nicht selten an die Höllenvisionen eines Hieronymus Bosch erinnern. Der Zeitgeist ist eines der Lieblingsthemen des Künstlers, nicht mehr zu kanalisierende Informationsfluten, überbordender Individualismus und andere Segnungen der schönen, neuen Zeit„ führt er in seinen Bildern mit Genuß und Liebe zum Detail ad absurdum. In oft bonbonfarbener Illumination zeigen sich so Szenerien, die anziehend und erschreckend zugleich wirken. Die hier in der Lobby des Mainzer Landtages ausgestellten Arbeiten Brenners bannen wie oft bei diesem Künstler den Menschen in die Fänge seines eigenen Wahns. Monumentale Bollwerke aus tausenden von Tonnen Beton und der dagegen so verletzliche und zerbrechliche menschliche Körper, in obskure Panzer gehüllt, die sicher keinem Granatsplitter standhalten. Oder der Mensch, versehen mit Barcodes, welche die laufende Inventur in Sachen Ware Mensch leichter machen. Dazu gerade ob ihrer Verschwommen- und Unklarheit eindrückliche Portraits von ehemaligen Soldaten, Krankenschwestern oder sonstigem Personal der Maginotlinie, die wie Geistwesen an ihrer ehemaligen Wirkungsstätte umgehen. Brenner setzt künstlerische Zeichen, die zwar vordergründig deutlich scheinen, aber wirkliche Einlassung vom Publikum fordern, um ihrer gesamten Botschaft auf den Grund gehen zu können.  

Bernd Decker ist ebenfalls ein Kaiserslauterer Künstler, der seit vielen Jahren konsequent und unbeeindruckt von allen an der Verkaufbarkeit orientierten, künstlerischen Moden an seiner ganz eigenen Objektkunst schafft. Kaltes Glas und Metall sind seine Lieblingsmaterialien. Die durchsichtigen Wachtürme, die er hier zeigt, sind letztlich aller wirklichen Funktion beraubt und bewachen sozusagen sich selbst. Die Beobachtung der Beobachter in einer Zeit, in der nicht nur Wachtürme, sondern auch Menschen gläsern geworden sind. Durchsichtig und ohne die Möglichkeit zum Widerstand bewegen sich ganze Lebensläufe in den Gängen der Bits und Bytes, im großen Ein und Aus der digitalen Technik.




Die Kindheitserinnerungen„, die hier als als gläserner Würfel mit Fotoprints zu sehen sind, waren beim Projekt ligne maginot„ großflächige Bildprojektionen auf einer bemoosten und verwitterten Bunkerwand. Bilder, die sich mit kindlichen Motiven aus Blechspielzeug oder Circusszenen gegen den Wahnsinn des technisierten Krieges stellen. Der Soldat mit Stahlhelm und Maschinengewehr  hat sicher ganz hinten im Kopf noch solche Bilder. Egal, auf welcher Seite er kämpft, egal, gegen wen er sein Vernichtungswerkzeug richten muß. Vielleicht sind es gerade solche Bilder, die einen Mann seine Waffen strecken und sich ergeben lassen. Oder die ihn dazu bringen, seine Waffen umzudrehen und gegen die Kriegstreiber hinter ihm zu richten.

Daß Thomas Brenner und Bernd Decker über Jahre zusammengearbeitet haben und ihre ganz eigenen, künstlerischen Intentionen in den Dienst einer gemeinsamen Sache gestellt haben, ehrt sie zusätzlich. Denn erstens ist eine solche Kooperation nie ohne Spannungen und Konflikte zu bewältigen, vor denen man entweder weglaufen, oder sich ihnen stellen kann. Und zweitens sagt man den Künstlern an sich ja gerne nach, sie seien unverbesserliche Egomanen. Brenner und Decker beweisen mit ihrem Projekt Ligne maginot„ das Gegenteil, sind die Ausnahme in der Regel und erzielten damit dazu eine nicht zu unterschätzende, völkerverbindende Wirkung. Die außerdem auf rein privatem Engagement beruht und auf einem Wort, das man sich heute kaum noch auszusprechen traut. Auch hier im Landtag nicht: Idealismus.

Vielen Dank