Dr. Matthias Brück II
Bei Rolf Barth allerdings wird man nur sehr indirekt an den Menschen erinnert. Erinnern seine Töpfe, Kannen oder Schalen wohl an Großmutters Küchenarsenal, doch seine eigentliche Intention liegt wohl kaum in einer Rehabilitation des Unscheinbaren, längst Vergessenen und Ausrangierten. Er versteht es immer wieder aufs Neue, mit klarster, fast fotografischer Präzision das Serielle seiner Präsentation zu einer eigenen ästhetischen Harmonie zu fügen, die das Prädikat "Magie des Realen" sicherlich verdient hat. Doch dann wird dieses Gefüge scheinbar durchbrochen. Eine Emaille-Kanne, ein Teller, eine Schüssel tanzen aus der Reihe. Ihre Farbe oder der monochrome Hintergrund wechselt. Der vertraute Rhythmus scheint gestört, wenn beispielsweise einzelne Felder gegenstandsfrei bleiben, wenn nur Fragmente von Behältnissen quasi im Werden begriffen sind.
"Transformationen" nennt Rolf Barth diesen Prozess, der gewissermaßen die Stadien und Entwicklungen vor dem eigentlichen Bild charakterisiert. Funktion wird Ästhetik! Da wundert es nicht, wenn sich plötzlich Quadrate, Rechtecke und Kreise vor die jeweiligen Gegenstände schieben, als wollten sie eine neue harmonische Ordnung begründen.
Am anderen Ende des Ganges treffen Sie auf das genaue Gegenteil des eben Skizzierten. Fritz Fronius vermeidet geradezu alles Klare und Bestimmte. Seine Figuren verschmelzen beinahe in verwehter, sich überlagernder sanfter Farblichkeit mit dem sie umgebenden Raum. Sie bleiben weitgehend ohne individuelle Signifikanz, könnten als Bestandteil einer kontemplativen Ruhe fungieren, würden da nicht bisweilen unscheinbare Gegenstände sichtbar, wie das Gepäck im Exponat "Raum - Figur - Gedanke". Als würde es nicht zu der jugendlichen Person gehören, die wohl an einem Bahnsteig auf den nächsten Zug wartet, ergibt sich durch dieses Detail plötzlich ein ganz anderes Bild, eine andere Stimmung. Die Frau in dem fast lichtverklärten Hintergrund mag wohl die Mutter sein, von der es Abschied zu nehmen gilt. Da hat jetzt ein atmosphärischer Wechsel stattgefunden, der Erinnerung, gegenwärtige Situation und eine ungewisse Zukunft zu einem Augenblick verdichtet. Und während pastellene Grazien wie losgelöst von aller Erdenschwere anmutig dahin schreiten, verdichten sich anderenorts schwere Farbturbulenzen zu einem unbegrenzten kosmischen Wirbel. Figuratives hat eben viele Erscheinungsformen …
Gabriele Undine Meyer zeigt Fotoarbeiten aus den Jahren 2002 und 2005, sowie eine aktuelle Videoarbeit. Seit 1998 beschäftigt sie sich mit dem Thema kollektive Erinnerung, arbeitet mit gefundenen Porträtfotografien vorwiegend aus der ersten Hälfte der 20. Jahrhunderts, die sie in aufwändigem Verfahren auf verschiedene Untergründe reproduziert, jedoch hauptsächlich auf Pergaminseidenpapier, das als "Spinnwebpapier" in alten Fotoalben die Seiten trennt. Ihre "Abbilder" scheinen in der Tat hinter diesen netzartigen Trenn-Papieren aufzutauchen, so allerdings, als wollten sie sich nur zaghaft vom Betrachter wieder entdecken lassen. Oder ereignet sich das Gegenteil? Möchten sie verdeckt bleiben, sich der möglichen Erinnerung entziehen?
Es sind Portraits - elegisch, leicht verklärt die Frauen, entschlossen die Männer, wie es sich für diese Zeiten gehört. Verstärken die großformatigen Portrait-Fahnen nun das Vage, das Unbestimmte des Vergangenen oder signalisieren sie das Sich Auflösen einer beinahe morbiden Ästhetik?
Es ist die Faszination des Geheimnisvollen, des Unausgesprochenen, aber auch des Melancholisch-Wehmütigen, das diese Arbeiten auszeichnet, während in der Videoarbeit "Transition" das einzelne Individuum schleichend zu einem entpersonalisierten Schattenwesen zu mutieren scheint. Eine düstere Zukunftsvision, die nicht aus der Luft gegriffen zu sein scheint.
Es sind wohl teilchiffrierte Geschichten, die Ihnen Nikola Jaensch dreißigfach in kleinstem Format auf einer Wand präsentiert. Sie mögen weder Anfang noch Ende haben und doch könnten sie untereinander in einem verborgenen Zusammenhang stehen. Fragmente des eigenen Lebens oder variationsreiche Erfindungen einer Künstlerin, die auf etwas Unbestimmtes verweisen - vielleicht nur das Suchen, ein ständiges Unterwegssein dokumentieren. Doch gerade dadurch entsteht auch eine neue eigene Welt, die nur noch partiell mit der so genannten Realität in Verbindung steht. Lebensräume, in denen man sich friedlich, gefahrlos und mit voller Zuversicht bewegen darf, wenn man die einzelnen Kinder beobachtet, die in schlafwandlerischer Sicherheit auf wackeligen Stühlen balancieren… Und das harmonische Gefüge, vielleicht auch Ort möglicher Sehnsüchte, lässt sich nicht einmal durch überraschende Hintergründe aus Zeitungen und Schnittmusterbögen stören. In diesen Seelen-Räumen scheint - fern aller falscher Idylle - kein Widerspruch, keine Entfremdung Einlass zu finden…Oder?
Auf den ersten Blick mag die Welt von Armin Rohr eine bunte, überbunte Spielwiese zu sein. Collagen über Collagen schichten sich da "publikumswirksam" übereinander, nebeneinander. Gemäß den unterschiedlichen Altersstufen erscheinen Versatzstücke global kommerzialisierter Archetypen - vom Teddy-Bär bis zum Supermann. Bewusst undifferenziert tummeln sich Krieger der verschiedensten Herkunft - Spielzeuge, wie sie auf keinem Gabentisch fehlen durften. Heldenfiguren wie Soldat, Cowboy, Indianer oder Kreuzritter, die suggerieren könnten, dass das Gute immer gewinnt, erzeugen eine Gesellschaft von Schablonen, eine Reihung des Immer-Gleichen, bei dem die eigene Existenz werbetechnisch perfekt von einem Konglomerat aus Entfremdung und Comic- Trivialität enteignet worden ist… Armin Rohr gestattet in seinen Exponaten keine Kompromisse, warum auch. Hat er doch ein Leben, eine Gesellschaftsform antizipiert, der wir uns Stück für Stück anzunähern scheinen! Es sei denn, das Gute siegt doch ...
Nun denn, wenn die Welt so übel erscheint, so dekadent und hoffnungslos, bleibt nur noch eine Möglichkeit offen: ab ins Kloster! Doch Vorsicht ist geboten: nicht alles ist fromm, nur weil es eine Kutte trägt ...
Dafür sorgt schon Thomas Brenner in seiner neuen Serie "Convent", mit der er seinen schon legendären inszenierten Foto-Installationen ein Prachtstück an Mehrdeutigkeit und Hinterlist hinzufügt. Einige der Brüder haben sich wohl in stiller Einfalt und in Verkennung der Heiligen Schrift in Ochs, Esel und Schaf verwandelt. Oder verweist diese Mutation auf einen mittelalterlichen Geisteszustand, der Seelenrettung immer noch mit inquisitorischen Praktiken zu erreichen gedenkt? Letztlich entscheidet stets der Glaube, wenn vertrocknete Schollen mit fragwürdigem Dünger fruchtbar gemacht werden sollen, wenn sich je zwei Mönche zwischen intrigantem Getuschel und homoerotischer Nähe begegnen oder ehrwürdige Pergamente sich auf wundersame Weise vermehren.
Wir sind doch alle nur Menschen .. Nichts ist so wie es scheint und schließlich waren Täuschungen schon immer spannender als wahre Bekenntnisse. So sei es ...